Blutbestandteile: Gewissenssache statt Verbot – Gedanken zum aktuellen Lagebericht der Leitenden Körperschaft, Nr. 6 (2026)

Am 18. September 2026 veröffentlichte die Leitende Körperschaft der Zeugen Jehovas auf jw.org den „Aktuellen Lagebericht der Leitenden Körperschaft, Nr. 6 (2026)“ – ein JW-Broadcasting-Video, vorgestellt von Bruder Geoffrey W. Jackson, begleitet von einem „Fragen von Lesern“-Artikel („Wie zeigen Jehovas Zeugen Respekt vor dem Leben?“) und einer Übersichtstabelle („Produkte, die aus Vollblut gewonnen werden“). Darin wurde eine bedeutsame Klarstellung bekannt gegeben: Die Entscheidung über die vier Hauptbestandteile des Blutes – rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen, Plasma und Blutplättchen – ist nun auch dann, wenn sie aus dem Blut einer anderen Person stammen, Sache des persönlichen Gewissens jedes einzelnen Christen. Gleiches gilt für die Spende von Blut zum Zweck der Gewinnung von Bestandteilen oder Fraktionen für andere. Unverändert bleibt die Ablehnung von Vollbluttransfusionen von anderen Personen sowie der Verzehr von Blut und unausgeblutetem Fleisch.

Bereits im März 2026 hatte die Leitende Körperschaft im „Aktuellen Lagebericht der Leitenden Körperschaft, Nr. 2 (2026)“ klargestellt, dass die Verwendung des eigenen Blutes in der gesamten medizinischen und chirurgischen Versorgung – einschließlich Entnahme, Lagerung und späterer Rückgabe – eine persönliche Gewissensentscheidung ist. In einer Pressemitteilung vom selben Tag betonte der internationale Sprecher Paul Gillies, dass Blut für Jehovas Zeugen heilig bleibt und medizinische Entscheidungen über Blutbestandteile eine Gewissenssache zwischen jedem Zeugen und seinem Gott sind.

Diese Entwicklung hat viele Diskussionen ausgelöst. Der folgende Beitrag verteidigt die jüngste Klarstellung und geht auf die häufigsten Einwände ein.

Diese Neuerung ist wirklich eine große Sache, und ich möchte gleich zu Beginn ehrlich sein: Das Update vom September 2026 verändert tatsächlich, wie Jehovas Zeugen ihr Verständnis des Blutgebots anwenden. Das Gebot selbst – sich des Blutes zu enthalten (Apostelgeschichte 15:28,29) – bleibt natürlich unverändert. Aber die Art, wie es auf die moderne Medizin angewendet wird, wurde deutlich angepasst. Und das ist bedeutsam.

Das aktuelle Verständnis (September 2026) ist nun also folgendes:

  • Vollblut von einer anderen Person bleibt tabu. Dieser Teil bleibt unverändert – passend zu Apostelgeschichte 15:28,29.
  • Die vier Hauptbestandteile – rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen, Plasma und Blutplättchen – sind jetzt eine Gewissensentscheidung. Jeder Zeuge muss für sich selbst im Gebet entscheiden, ob er sie annimmt.
  • Das eigene Blut (entnommen, gelagert und später zurückgegeben) wurde bereits Anfang 2026 zur Gewissensentscheidung erklärt.
  • Auch die Spende von Blut für Bestandteile oder Fraktionen ist jetzt eine individuelle Entscheidung.
  • Blutfraktionen (Albumin, Gerinnungsfaktoren usw.) sind schon seit Langem eine Gewissensentscheidung.

Ein aktualisierter medizinischer Ausweis ist in Vorbereitung, um all das widerzuspiegeln. Die Krankenhaus-Verbindungskomitees helfen den Mitgliedern weiterhin, Ärzte zu finden, die ihre Entscheidungen respektieren – und zwar vertraulich.

Warum die Änderung?

Die offizielle Begründung ist erfrischend einfach: Die Bibel sagt eigentlich nichts über das eigene Blut in der medizinischen Versorgung, und sie sagt auch nichts über die verschiedenen Produkte, die aus Blut gewonnen werden können. Die Leitende Körperschaft kam daher zu dem Schluss, dass sie – in Übereinstimmung mit 1. Korinther 4,6 („geht nicht über das hinaus, was geschrieben steht“) – keine Regeln aufstellen sollte, wo die Heilige Schrift schweigt. Die Entscheidung wird an das Gewissen jedes einzelnen Christen vor Gott zurückgegeben (Römer 14:12; Galater 6:5). Blut wird weiterhin ernst genommen. Es bedeutet also nicht dass man nun leichtfertig mit der Blutfrage umgehen kann. Die Entscheidung ob man das eigene oder Bestandteile von Fremdblut zu medizinischen Zwecken verwendet, ist nicht „egal“ geworden. Es bedeutet lediglich: „Keine starre Regel mehr, wo die Bibel sie nicht klar hergibt.“

Dies ist keine plötzliche Kehrtwende sondern eine Fortsetzung

Für jeden, der die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in den letzten Jahren beobachtet hat, kommt das nicht aus dem Nichts. Es ist der jüngste Schritt in eine konsequente Richtung: weg davon, dass die Leitende Körperschaft ihr eigenes biblisch geschultes Gewissen auf Mitglieder überträgt, hin dazu, dass jeder Christ seine eigene Last trägt d.h. noch mehr in eigener Verantwortung vor Jehova Gott entscheiden muss (Galater 6:5). Dieselbe Entwicklung zeigt sich in anderen Änderungen der letzten Jahre: die Abschaffung der detaillierten Berichterstattung über die individuelle Predigttätigkeit, die Anpassung der Kleidungs- und Pflegestandards (bescheiden und gepflegt in Eigenverantwortung), und die Lockerung strenger Regeln darüber, was als heidnisch oder im Spiritismus verwurzelt galt – heute wird das allgemeiner und weniger legalistisch betrachtet. Jede dieser Änderungen hat, wie auch diese, Autorität von starren organisatorischen Regeln weg und hin zum Einzelnen verlagert – und jede wurde mit demselben Vorwurf der Wankelmütigkeit konfrontiert.

Und ja – in gewissem Sinne ist es tatsächlich ein „Abwälzen“ der Verantwortung. Das räume ich ein. Aber genau das ist der Punkt, nicht das Problem. Die Leitende Körperschaft lehnt es bewusst ab, Gewissen zu binden, wo sie glaubt, dass die Schrift sie nicht bindet. Das ist keine Aufgabe ihrer Verantwortung gegenüber den Schafen, sondern die richtige Ausübung begrenzter Autorität. Wenn man – wie sie selbst sagt – glaubt, dass „wir nicht Herren über euren Glauben sind“ (2. Korinther 1:24) und dass „jeder seine eigene Last tragen wird“ (Galater 6:5), dann ist die Rückgabe dieser Entscheidungen an den Einzelnen kein Versagen der Verantwortung, sondern ihre Erfüllung. Die Alternative – Regeln beizubehalten, von denen man inzwischen glaubt, dass sie über die Schrift hinausgehen, nur um den Anschein von Widersprüchlichkeit zu vermeiden – wäre wirklich unverantwortlich.

Ist Veränderung einer Führung, die von sich behauptet vom Heiligen Geist geleitet zu sein, verkehrt?

Ich würde sagen: nein. Und es ist bemerkenswert, wie selbstverständlich wir genau diese Art von Verfeinerung überall sonst akzeptieren. Oberste Gerichte heben ihre eigenen Präzedenzfälle auf – im Fachjargon nennt man das „Praxisänderung“ oder „Judikaturwende“; das Menschenrechtsverständnis hat sich über die Jahrzehnte dramatisch weiterentwickelt, als unser Verständnis von Würde und Gleichheit tiefer wurde. Medizinethische Kommissionen überarbeiten Standards, wenn das Wissen wächst. In all diesen Fällen änderte sich das zugrunde liegende Prinzip nicht – wohl aber die Anwendung, sobald das Verständnis tiefer wurde. So arbeiten prinzipientreue Institutionen.

Warum sollte eine religiöse Körperschaft an einem anderen Maßstab gemessen werden – zumal eine, deren Leitende Körpferschaft offen anerkennt, „weder von Gott inspiriert noch unfehlbar [zu sein, und] aus diesem Grund sich in Lehrfragen oder in organisatorischen Anweisungen irren [zu können]“? Wenn die Leitende Körperschaft nie etwas ändern würde, würde man ihr Sturheit vorwerfen; wenn sie sich ändert, wirft man ihr Widersprüchlichkeit vor. Das durchgängige Prinzip hier lautet: Binde Gewissen nicht über das hinaus, was die Schrift klar sagt. Und der praktische Beweis, dass es sich um eine echte Änderung und kein Rebranding handelt, ist die Tatsache, dass die zuvor ausgeübte Disziplinarmaßname nicht mehr existiert: Jahrzehntelang konnte ein getaufter Zeuge, der Blutbestandteile reuelos annahm, ausgeschlossen und gemieden werden. Unter der neuen Position wird sich die Versammlung ausdrücklich nicht in diese Entscheidungen einmischen, und einzelne Christen werden aufgefordert, andere nicht zu verurteilen. Der Durchsetzungsmechanismus selbst wurde für diese Angelegenheiten entfernt – das ist eine konkrete, überprüfbare Veränderung.

Immer wieder kommende Einwände

  • „Sie versuchen nur, einen Kurswechsel als bloße Klarstellung darzustellen.“ Ich verstehe, warum das gesagt wird. Aber die Organisation verfeinert diese Anwendung seit Jahrzehnten – Fraktionen seit 2000, bestimmte Zellrettungsverfahren seit 1989. Organtransplantationen wurden 1967 in den Veröffentlichungen sehr kritisch beurteilt und mit Kannibalismus verglichen. Seit 1980 werden sie ausdrücklich als persönliche Gewissensentscheidung behandelt. Das Muster ist kein Hin und Her, sondern ein konsequentes Prinzip: Dehne die Regel nicht über das hinaus aus, was die Schrift klar sagt. Man kann mit diesem Prinzip uneins sein, aber es ist keine Vertuschung.
  • „Sie sollten sich für vergangene Todesfälle gefälligst entschuldigen.“ Dieser Punkt verdient echtes Mitgefühl und keine abweisende Antwort. Die Organisation hat anerkannt, dass einige Mitglieder gestorben sind, nachdem sie Blut abgelehnt hatten, und ich kann mir nicht vorstellen, wie schmerzhaft das für betroffene Familien ist. Aber die Behauptung, die Anweisungen zur Behandlung mit Blut selbst habe „Tausende“ von Todesfällen verursacht, braucht Belege: bspw. dass eine Transfusion medizinisch indiziert war, dass sie das Ergebnis wahrscheinlich verändert hätte und dass die Entscheidung eher auf Zwang als auf persönlicher Überzeugung beruhte. Bemerkenswerterweise ergab eine 2012 in JAMA Internal Medicine veröffentlichte Studie, dass Zeugen, die Transfusionen ablehnten, bei korrektem Vergleich nach Transfusionsstatus keine schlechtere Langzeitüberlebensrate hatten (im Gegenteil – ihre Mortalitätsrate war prozentual geringer als diejenigen die eine Bluttransfusion erhielten). Und was auch immer man über die Vergangenheit denkt: Dieses neue Veränderung bewegt sich hin zum individuellen Gewissen und weg von organisatorischer Kontrolle – ein seltsames Verhalten für eine „kontrollierende Sekte“.
  • Die „Pizza-Analogie“ (man darf die Pizza nicht essen, aber Kruste, Sauce und Belag einzeln schon) klingt clever, setzt aber voraus, dass die Teile moralisch identisch mit dem Ganzen sind. Nach dem Verständnis der Zeugen Jehovas bezieht sich das biblische Gebot auf Blut als Träger des Lebens. Die Bibel sagt jedoch nicht ausdrücklich, ob auch einzelne, aus Blut gewonnene Bestandteile unter dieses Gebot fallen. Die Analogie der Pizzabestandteile schmuggelt also die Schlussfolgerung ein, die sie beweisen will.

Fazit

Vollblut von einer anderen Person wird weiterhin abgelehnt. Die Behandlung mit den vier Hauptbestandteilen von Blut ist jetzt eine Gewissensentscheidung – im Einklang mit dem erklärten Prinzip der Organisation, nicht über das hinauszugehen, was die Schrift tatsächlich sagt. Es ist eine echte Veränderung, ehrlich beschrieben, und die Begründung dahinter ist kohärent – auch wenn man mit der gezogenen Linie nicht einverstanden ist.

11 Gedanken zu “Blutbestandteile: Gewissenssache statt Verbot – Gedanken zum aktuellen Lagebericht der Leitenden Körperschaft, Nr. 6 (2026)”

  1. Danke für den sachlichen und ehrlichen Beitrag. Besonders gut finde ich den Hinweis auf Römer 14:12 und 2. Korinther 1:24: Wer Gewissen nicht über die Schrift hinaus bindet, handelt verantwortlich. Und die Aufforderung, andere für ihre Entscheidung nicht zu verurteilen, entspricht genau Römer 14:10, 13.

    Beim Nachdenken bleiben für mich einige Fragen offen:

    Die Grenze bei Vollblut: Wenn die Bibel über Bestandteile schweigt – spricht sie dann ausdrücklich über die Transfusion von Vollblut? Apostelgeschichte 15:29 sagt „Blut“. Warum trägt der Vers die Vollblut-Grenze, aber nicht die Bestandteile? Und was gilt, wenn jemand rote Blutkörperchen, Plasma und Plättchen nacheinander erhält?

    Die Pizza-Analogie: Der Einwand, die Analogie setze die moralische Gleichheit von Teil und Ganzem voraus, ist berechtigt. Setzt die jetzige Position aber nicht umgekehrt voraus, dass das Ganze moralisch etwas anderes ist als seine Teile – ebenfalls ohne Schriftbeleg?

    Konsequentes Prinzip oder Korrektur? Wenn das Prinzip „nicht über das hinaus, was geschrieben steht“ seit Jahrzehnten galt, wie passt dazu, dass die Annahme von Bestandteilen zum Ausschluss führen konnte? Wäre es nicht ehrlicher und stärker, offen zu sagen: „Hier sind wir früher über die Schrift hinausgegangen“?

    Zwang und Überzeugung: Der Artikel fordert Belege, dass Entscheidungen auf Zwang beruhten. Ist der beschriebene Ausschlussmechanismus nicht selbst ein ernstzunehmender Hinweis auf Druck? Wie würden wir selbst behandelt werden wollen, wenn wir zu den betroffenen Familien gehörten (Matthäus 7:12)?

    Die eigene Last tragen: Galater 6:5 betont die eigene Verantwortung. Galater 6:2 sagt aber auch: „Tragt einer des anderen Lasten.“ Wie kann die Versammlung Einzelne bei dieser schweren Entscheidung begleiten, ohne sie ihnen abzunehmen?

    Warum Blut heilig ist: 3. Mose 17:11 verbindet Blut mit Leben und Sühne, Hebräer 9:22 und Epheser 1:7 führen das zum Blut Christi. Könnte diese Linie helfen, die Grenze biblisch sauberer zu begründen?

    Ich stelle diese Fragen nicht, um recht zu behalten, sondern weil eine stimmige Begründung allen hilft, ihre Entscheidung mit gutem Gewissen vor Jehova zu treffen.

    • Vielen Dank für diese durchdachten Fragen. Einige davon halte ich ebenfalls für berechtigt. Ich möchte sie aber im Moment bewusst nicht abschließend beantworten. Die Leitende Körperschaft hat eine Artikelserie zur angepassten Sichtweise angekündigt, die in den Versammlungen besprochen werden soll. Eine umfassende Beurteilung ist meines Erachtens erst möglich, wenn diese Erklärungen vollständig vorliegen. Bis dahin möchte ich weder der Organisation vorgreifen noch voreilige Schlüsse ziehen.

      Einige Punkte erscheinen mir jedoch wichtig: Apostelgeschichte 15:29 spricht selbstverständlich nicht ausdrücklich über moderne Transfusionsmedizin. Der Text nennt jedoch „Blut“ als das, wovon sich Christen enthalten sollen. Die Position der Zeugen Jehovas versteht darunter Blut als Ganzes beziehungsweise als die lebenstragende Substanz, die in der Bibel für das Leben steht. Eine Vollbluttransfusion fällt deshalb relativ unmittelbar unter dieses Verständnis. Die Bibel erklärt dagegen nicht, wie nach einer technischen Auftrennung mit roten Blutkörperchen, Plasma, Blutplättchen, weißen Blutkörperchen oder daraus gewonnenen Fraktionen umzugehen ist. Die Grenze ist somit nicht deshalb vollkommen eindeutig, weil die Bibel ausdrücklich „Vollbluttransfusion“ sagt. Sie ergibt sich aus der Anwendung des allgemeinen Gebots auf das, was medizinisch noch als Vollblut verabreicht wird. Wie weit diese Anwendung auf getrennte Bestandteile auszudehnen ist, bleibt dagegen eine Auslegungs- und Gewissensfrage.

      Eine medizinische Behandlung dem persönlichen Gewissen zu überlassen bedeutet nicht, sie pauschal zu „erlauben“ oder für unbedenklich zu erklären. Es bedeutet, dass weder ein allgemeines Verbot noch eine allgemeine Zustimmung ausgesprochen wird. Jeder Einzelne muss nach sorgfältiger Information entscheiden, was er vor Jehova verantworten kann. Deshalb wäre die Aussage, nun seien einfach „alle Bestandteile erlaubt“, nicht präzise.

      Auch die Pizza-Analogie führt nur begrenzt weiter. Blut besteht aus sehr unterschiedlichen Bestandteilen und zu einem großen Teil aus Wasser. Ein isolierter Bestandteil ist nicht allein deshalb mit Vollblut identisch, weil er daraus gewonnen wurde. Umgekehrt folgt daraus aber auch nicht, dass jeder Bestandteil automatisch angenommen werden sollte. Genau diese Bewertung bleibt dem Gewissen überlassen.

      Die Fragen nach der genauen Grenze bei mehreren nacheinander verabreichten Komponenten, der früheren Handhabung und möglichen Konsequenzen verdienen eine sorgfältige Antwort. Ich möchte sie jedoch nicht auf Grundlage der bisher verfügbaren Informationen abschließend beurteilen. Dass eine frühere einheitliche Regelung nun durch persönliche Gewissensverantwortung ersetzt wird, ist jedenfalls eine tatsächliche Korrektur der bisherigen Anwendung. Wie die Organisation diesen Schritt biblisch und historisch genauer erklärt, bleibt abzuwarten.

      Ob man deshalb zwingend sagen muss: „Wir sind über das hinausgegangen, was geschrieben steht“, hängt davon ab, ob man die frühere Position als unzulässige Hinzufügung oder als damaligen, später korrigierten Versuch versteht, das biblische Gebot gewissenhaft anzuwenden. Ich sehe hier zwei Anliegen, die miteinander in Einklang gebracht werden müssen: einerseits die Verantwortung, Glaubensbrüder vor einer als schwerwiegend verstandenen Verfehlung zu warnen, wie sie etwa in 3. Mose 19:17 und Matthäus 18:15 zum Ausdruck kommt, und andererseits die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen gemäß Galater 6:5.

      Deshalb halte ich es für sachlicher, beides anzuerkennen: Die frühere Regelung entstand aus dem ernsthaften Wunsch, sich von Blut zu enthalten und Glaubensbrüder und -schwestern vor einer schwerwiegenden Sünde zu bewahren. Zugleich kann man rückblickend zu der Einsicht gelangen, dass aus diesem Grundsatz zu detaillierte und zu einheitliche Vorgaben abgeleitet wurden. Ein offenes Eingeständnis dieser Spannung würde die heutige Begründung meines Erachtens nicht schwächen, sondern glaubwürdiger machen. Ob und wie die angekündigten Artikel darauf eingehen werden, bleibt abzuwarten.

      Dass eine leitende Körperschaft ihre frühere Anwendung eines Grundsatzes ändert, bedeutet nicht automatisch, dass sie grundsatzlos handelt. Auch Gerichte, medizinische Institutionen und andere verantwortliche Gremien korrigieren frühere Auslegungen. Die Auswirkungen von Entscheidungen oder Sanktionen, die vor einer solchen Korrektur getroffen wurden, werden dadurch allerdings nicht automatisch aufgehoben. Gerade eine Körperschaft, die offen einräumt, weder inspiriert noch unfehlbar zu sein und sich irren zu können, muss grundsätzlich bereit sein, eine frühere Grenzziehung zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren. Die Alternative wäre, an einer einmal getroffenen Entscheidung allein deshalb festzuhalten, weil ihre Korrektur unangenehme Fragen aufwirft.

      Galater 6:2 und 6:5 widersprechen sich dabei nicht: Jeder trägt die Verantwortung für seine eigene Entscheidung, während die Versammlung durch Mitgefühl, praktische Hilfe und respektvolle Begleitung die Last mitträgt. Begleitung sollte jedoch nicht bedeuten, dem Einzelnen seine Gewissensentscheidung abzunehmen.

      Die Heiligkeit des Blutes bleibt der biblische Ausgangspunkt. Sie erklärt, warum Christen dieses Thema ernst nehmen. Sie liefert aber nicht automatisch eine medizinische Detailregel für jede Zelle, Fraktion oder Kombination. Mehr möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht festlegen. Sobald die angekündigte Artikelserie vollständig vorliegt, lässt sich fundierter beurteilen, wie die angepasste Sichtweise im Einzelnen begründet und angewandt wird.

  2. lieber Bruder. Danke für diesen Artikel. Ich wollte dich schon anschreiben, ob du da was diesbezüglich posten kannst. Allerdings die Pizza-Analogie habe ich nicht ganz verstanden. Ich weiß, dass Feinde von uns, dass verwenden. Aber das, was du hier kurz angeschnitten hast, hab ich nicht ganz verstanden. Was könnte ich genau erwidern, wenn mir jemand dieses Beispiel bringt? Denn ich hab mich wirklich gefragt, wenn alle Bestandteile erlaubt sind, dann wäre theoretisch eine Bluttransfusion auch schon erlaubt. Weil ich ja quasi die ganzen Bestandteile zusammenmixen könnte und dann hätte ich das Blut. Bitte danke wenn du hier noch ein ergänzendes hilfreiches Argument bringen könntest.

    • Danke für die Frage. Ich glaube, hier muss man zuerst ein mögliches Missverständnis klären: Die vier Hauptbestandteile sind nicht einfach „erlaubt“. Ihre medizinische Verwendung ist jetzt eine persönliche Gewissensentscheidung. Vollblut bleibt dagegen ausdrücklich ausgeschlossen.

      Die Pizza-Analogie lautet ungefähr: Wenn man die ganze Pizza nicht essen darf, wie kann man dann Teig, Käse, Soße und Belag einzeln essen dürfen? Der Vergleich klingt zunächst einleuchtend, setzt aber bereits voraus, dass Vollblut und die medizinisch getrennten Blutbestandteile religiös zwingend gleich behandelt werden müssen. Genau diese Voraussetzung wird mit der Analogie jedoch nicht bewiesen.

      In der Medizin wird eine Behandlung mit einem bestimmten Blutbestandteil nicht dadurch zu einer Vollbluttransfusion, dass die übrigen Bestandteile theoretisch ebenfalls existieren. Ein Patient erhält vielmehr gezielt das Produkt, das für seine konkrete Behandlung benötigt wird. Auch werden durch die Trennung und Verarbeitung eigenständige medizinische Produkte daraus. Die Frage lautet daher nicht einfach: „Stammt es ursprünglich aus Blut?“, sondern: „Sagt die Bibel eindeutig, dass jeder einzelne daraus gewonnene Bestandteil genauso behandelt werden muss wie Vollblut?“ Darauf gibt sie keine ausdrückliche Antwort. Deshalb wird diese Entscheidung nun dem Gewissen des Einzelnen überlassen.

      Der Gedanke, alle Bestandteile wieder zusammenzumischen, ändert daran nichts. Würde jemand sie bewusst wieder zu Vollblut beziehungsweise zu einem Vollblut entsprechenden Produkt zusammensetzen und als solches verwenden, wäre das nicht mehr dasselbe wie die gezielte Behandlung mit einem einzelnen Bestandteil. Man würde damit gerade die Unterscheidung rückgängig machen, auf der die Gewissensentscheidung beruht. Aus „Ich darf über jeden Bestandteil einzeln nach meinem Gewissen entscheiden“ folgt also nicht: „Ich darf daraus wieder Vollblut herstellen und dieses transfundieren.“

      Man könnte es mit Lebensmitteln veranschaulichen, ohne die Pizza-Analogie zu übernehmen: Jemand kann aus gesundheitlichen oder religiösen Gründen ein bestimmtes zusammengesetztes Produkt ablehnen, ohne deshalb jeden Stoff ablehnen zu müssen, der auch in diesem Produkt vorkommt. Wasser ist beispielsweise Bestandteil vieler alkoholischer Getränke; daraus folgt weder, dass Wasser wie Alkohol behandelt werden muss, noch dass Wasser und andere Zutaten beliebig wieder zu einem abgelehnten Getränk zusammengesetzt werden dürfen. Die Herkunft eines Bestandteils und die religiöse Einordnung des fertigen Produkts sind nicht automatisch dasselbe.

      Die neue Regelung behauptet daher nicht, wissenschaftlich ließe sich zwischen Vollblut und seinen Bestandteilen keinerlei Zusammenhang herstellen. Natürlich stammen die Bestandteile aus Blut. Der entscheidende Punkt ist vielmehr, dass die Bibel zwar zum Enthalten von Blut auffordert, aber nicht erklärt, wie moderne, medizinisch getrennte Bestandteile einzuordnen sind. Statt diese Lücke weiterhin durch eine verbindliche organisatorische Regel zu füllen, soll nun jeder Christ sein Gewissen anhand der biblischen Grundsätze selbst schulen.

  3. Ich habe auf einem Forum dieses biblische Beispiel gelesen, das wir neulich in der Leben und Dienst Zusammenkunft besprochen haben. Ich habe es mal übersetzen lassen:

    Gott hat von den Rechabitern nicht verlangt, auf Wein zu verzichten, und auch heute verlangt sein Wort keine völlige Abstinenz, aber er sah es wohlwollend, was sie im Gehorsam gegenüber ihrem Familienoberhaupt taten (Jer. 35:18).

    Wir haben die Anweisungen der Organisation befolgt, was den Verzicht auf Blut betrifft, und nun wird dies in unterschiedlicher Weise als persönliche Entscheidung in Bezug auf Bestandteile und Fraktionen von einer anderen Person dargestellt.

    War es eine Verschwendung unserer Zeit und Energie, den früheren Anweisungen zu folgen, wenn sich diese nun geändert haben? Nein. Wie bei den Rechabitern schätzt Jehova unseren Gehorsam und unsere Treue und wird uns dafür belohnen – selbst wenn es sich um menschliche Gebote handelt –, weil sie aus Liebe zu Gott motiviert sind, selbst wenn wir um dieser Gebote willen gestorben sind. (Jer. 35:19; Luk. 14:14b)

  4. Vielen Dank für deine schnelle Reaktion auf die Anpassung des Verständnisses – diese Bemühungen schätze ich sehr. Obschon mich die Veröffentlichung des Lageberichts zunächst heftig irritiert hat und noch Zeit zur persönlichen Einordnung erforderlich macht, entwickle ich langsam eine Haltung dazu.

    Natürlich richtet sich instinktiv der erste Gedanke an diejenigen, die im Kontext des alten Verständnisses ihr Leben verloren haben, was unzweifelhaft tiefes Mitgefühl für die Hinterbliebenen abverlangt. Ganz nüchtern betrachtet, wird man jedoch nur in den wenigsten Fällen wissen, wie die betroffene Person zum heutigen Zeitpunkt auf Grund ihres Gewissens entschieden hätte. Mutmaßlich werden viele an ihrem bisherigen Standpunkt festhalten und diesen nur verfeinern. Darüber hinaus kann in vielen Fällen nicht zwingend behauptet werden, dass eine Transfusion das Leben gerettet hätte, da niemand WEGEN einer ausbleibenden Transfusion verstirbt, sondern auf Grund eines Unfalls, eines Kunstfehlers, einer Krankheit u.s.w. Transfusionen sind nur eine von vielen medizinischen Maßnahmen, um das Leben unter bestimmten Umständen zu erhalten oder kurzfristig verlängern. Studien haben längst erwiesen, dass blutlose Verfahren in den meisten Fällen die bessere Wahl sind.

    Anpassungen eines moralischen Verständnisses sind jedoch, wie im Aufsatz beschrieben, Teil der menschlichen Entwicklung, auch Teil der religiösen Entwicklung des historischen Volkes Israel – ein Aspekt, der in dieser Diskussion meistens zu kurz kommt. Mit der Novellierung des mosaischen Gesetzes war die Legislative keineswegs unveränderlich festgelegt, sondern unterlag regelmäßigen Ergänzungen auf Grund bisher unberücksichtigter Umstände.

    Z.B. wurde gemäß 4. Mose 9:10,11 den Israeliten das Begehen der jährlichen Passah-Feierlichkeit mit einem Monat Verzögerung gewährt, wenn die Person zum regulären Zeitpunkt unrein oder geografisch vom Volk weit abgelegen war. Des Weiteren entstand erst durch einen Präzedenzfall durch die Töchter Zelophhads eine ab diesem Zeitpunkt allgemein gültige Regelung hinsichtlich des Familienerbes (4. Mose 27:1-11). Viele weitere nachträgliche Ergänzungen des Gesetzes könnten erwähnt werden, die erst durch veränderte Umstände entstanden.

    Die Verwendung des Blutes zu medizinischen Zwecken muss ebenso als eine fortlaufende Entwicklung betrachtet werden, die nachträgliche Ergänzungen bzw. Anpassungen im Glaubensverstädnis erforderlich machte. Während bis in die 80iger-Jahre fast ausschließlich Vollblut-Transfusionen üblich waren (in „Dritte-Welt-Ländern“ nach wie vor der Standard), wurden in Europa und den USA zunehmend nur Transfusionen der Hauptbestandteile durchgeführt. Das selbe Prinzip trifft auf die Verwendung von Fraktionen zu, von denen man am Anfang der Entwicklung noch nichts ahnte. (Kleine Anmerkung zur Jahresangabe im Text: Gemäß dem Index – Stichwort: „Glaubensansichten klargestellt“ – wurde die Verwendung von Fraktionen ab dem Jahr 2000 dem Gewissen des Einzelnen überlassen, nicht im Jahr 1990.)

    Unzweifelhaft bleibt jedoch, dass zumindest einige wenige Todesfälle hätten vermieden werden können, in denen die Betroffenen evtl. nach heutigem Standpunkt einer Transfusion zugestimmt hätten – sowohl was eine autologe, als auch eine allogene Transfusion betrifft. Bleibt die Frage, warum die Anpassung erst nach rund 30 Jahren medizinischer Praxis erfolgt.

    Ja, diese Anpassung reicht im Gegensatz zu den meisten Anpassungen der Vergangenheit weit in das Leben des Einzelnen herein und sorgt nachvollziehbarerweise für starkes Hintergrundrauschen in der Bruderschaft. Selbst wenn man der Leitenden Körperschaft in dieser Angelegenheit Nachlässigkeit zurechnen könnte (was man auf Grund der wenigen bekannten Informationen derzeit kaum tun kann), steht demgegenüber jahrzehntelange, durch spürbare Taten zum Ausdruck gebrachte Fürsorge, die zum Bewahren eines starken Glaubens in einer gottlosen Welt beigetragen haben.

    • Vielen Dank für deinen wirklich durchdachten Kommentar.

      Dein Punkt mit den Töchtern Zelophhads und dem zweiten Passah gefällt mir, denn genau diese Beispiele aus 4. Mose zeigen, dass selbst das mosaische Gesetz nicht starr vom Himmel fiel, sondern sich im Austausch mit konkreten Lebenssituationen weiterentwickelt hat. Dieser Aspekt ist mir vorher nie so aufgefallen, deswegen werde ich mir das definitiv merken.

      Danke auch für die Korrektur – du hast absolut recht, der Artikel zu den Fraktionen war im Wachtturm vom 15. Juni 2000 (S. 29–31). Ich habe es im Text bereits angepasst.

      Was du zur Medizin schreibst, trifft es ziemlich gut: Die Realität am Krankenbett ist oft viel komplexer, als es in den hitzigen Debatten dargestellt wird. Und trotzdem bleibt genau die Frage stehen, die du am Ende stellst: Warum hat dieser Schritt eigentlich so lange gedauert, wenn die medizinische Praxis bei Komponenten schon seit Jahrzehnten eine andere ist?

      Vermutlich sieht man genau hier das menschliche Element. Auf der einen Seite steht der Wunsch und die Last der Verantwortung, die Herde vor allem geistig zu schützen, auf der anderen die Gefahr, irgendwann Regeln aufzustellen, die über das Geschriebene hinausgehen. Dass so eine Kurskorrektur Zeit braucht – manchmal vielleicht auch zu lange –, ist wohl die Kehrseite, wenn Dinge von Menschen organisiert werden, die nicht unfehlbar sind. Ich bin mir der Liebe und Fürsorge Jehovas sowie seines unvollkommenen treuen und verständigen Sklavens sicher.

      Wenn die Brüder in der Literatur oder auch den Videos ihre Liebe zu uns bekunden, glaube ich ihnen dass sie uns wirklich aufrichtig lieben, und dies keine Floskeln sind. Deshalb kann ich nur erahnen wie unheimlich schwer es gewesen sein muss, einzusehen und sich einzugestehen, dass man hier lange auf einer starren Vorschrift verharrte, die in einer so ernsten Angelegenheit einen Ticken zu weit „über das hinausging was geschrieben steht“. Ich bin dankbar für ihren Mut und ihre Demut – und ich erwarte keine Entschuldigung, selbst wenn ich glaube dass sie guttun würde.

      • Danke euch beiden für den ruhigen und respektvollen Austausch. Er tut in einer Debatte, die oft hitzig geführt wird, richtig gut. Ich möchte zu den biblischen Beispielen einen Gedanken ergänzen, der mir beim Nachlesen aufgefallen ist.

        Die Beispiele aus 4. Mose sind gut gewählt. Sie zeigen: Das Gesetz blieb in seinem Prinzip gleich, wurde aber auf neue Lebenslagen angewendet. Lohnenswert ist allerdings ein Blick darauf, wie diese Ergänzungen zustande kamen. In 4. Mose 9:8 antwortet Moses: „Wartet hier, ich will hören, was Jehova in eurem Fall anordnet.“ Beim Anliegen der Töchter Zelophhads heißt es: „Da brachte Moses ihren Fall vor Jehova“ (4. Mose 27:5). Auch die spätere Präzisierung erfolgte „auf Befehl Jehovas“ (4. Mose 36:5). Moses hat also nicht selbst nachjustiert. Er hat gewartet, bis Jehova sprach. Menschen war es ausdrücklich untersagt, eigenständig etwas zu ändern: „Fügt den Anweisungen, die ich euch gebe, nichts hinzu und nehmt nichts davon weg“ (5. Mose 4:2).

        Für unsere Frage heißt das meiner Ansicht nach: Die Beispiele belegen, dass Jehova sein Gesetz für neue Umstände ergänzt. Sie belegen nicht in gleicher Weise, dass menschliche Hirten Anwendungen anpassen. Die Leitende Körperschaft sagt selbst, dass sie nicht inspiriert ist. Umso wertvoller finde ich eine andere Stelle als Grundlage: In Apostelgeschichte 15:28 beschließen die Apostel und älteren Männer, „euch keine weitere Last aufzuerlegen als folgende notwendige Dinge“. Das ist das eigentliche biblische Vorbild dafür, nicht über das Geschriebene hinauszugehen.

        Zu 1. Korinther 4:6 noch eine Beobachtung: Paulus nennt dort den Grundsatz „Geht nicht über das hinaus, was in den Schriften steht“ – und zwar, „damit ihr nicht vor Stolz aufgeblasen seid und den einen dem anderen vorzieht“. Der Vers schützt also nicht nur vor zu vielen Regeln, sondern auch davor, Menschen zu hoch zu stellen. Unser Vertrauen gilt letztlich Jehova und Christus, denn es gibt „nur einen Vermittler zwischen Gott und Menschen, einen Menschen, Christus Jesus“ (1. Timotheus 2:5). Gerade das macht es leichter, Fehler von Brüdern mit Nachsicht zu tragen.

        Ehrlicherweise möchte ich aber auch sagen: Ein Spannungsfeld bleibt bestehen. Die neue Begründung lautet, die Bibel sage nichts Ausdrückliches über die einzelnen Bestandteile, deshalb solle man hier keine Regel aufstellen. Genau diese Frage stellt sich dann aber auch beim Vollblut. Apostelgeschichte 15:29 sagt schlicht: „Enthaltet euch … von Blut.“ Der Vers unterscheidet nicht zwischen Vollblut und seinen vier Hauptbestandteilen. Vollblut besteht ja gerade aus diesen Bestandteilen. Warum ist die Annahme von Bestandteilen eine Gewissensentscheidung, die Annahme von Vollblut aber ein Verstoß gegen Gottes Gesetz? Ähnlich bei der Spende: Wer Blut spendet, damit Bestandteile gewonnen werden, gibt zunächst Vollblut ab. Diese Spende soll Gewissenssache sein, eine Spende für eine Vollbluttransfusion dagegen nicht. Eine biblische Begründung für diese Grenzziehung habe ich in den bisherigen Erklärungen nicht gefunden. Wenn der Maßstab von 1. Korinther 4:6 für die Bestandteile gilt, müsste er sich auch hier bewähren. Ich kann nur hoffen und wünschen, dass künftige Erklärungen im Wachtturm dieses Spannungsfeld auflösen. Die bisherigen haben es aus meiner Sicht nicht getan. Bis dahin hilft mir der Gedanke, dass „jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben“ wird (Römer 14:12).

        Und zur Frage der Entschuldigung: Hier gelten zwei Schriftgedanken gleichzeitig. Wer verletzt wurde, darf großherzig vergeben: „Ertragt einander weiterhin und vergebt einander großzügig“ (Kolosser 3:13). Wer aber weiß, dass ein anderer ihm etwas übel nimmt, soll selbst hingehen: „Versöhne dich zuerst mit deinem Bruder“ (Matthäus 5:23, 24). Beides schließt sich nicht aus.

        Mir liegen dabei vor allem die Familien am Herzen, die einen Angehörigen verloren haben. Ob eine Transfusion im Einzelfall geholfen hätte, weiß meist niemand sicher. Ihr Schmerz ist trotzdem echt. Ich glaube, wir helfen ihnen am meisten, wenn wir ihn anerkennen, statt ihn zu erklären: „Weint mit denen, die weinen“ (Römer 12:15).

      • Auch hier möchte ich dir danken für sie zusätzlichen Gedanken. Wie in einem anderen Kommentar schon beschrieben, denke ich dass die Grenze dort gezogen wurde, wo sie biblisch tatsächlich begründbar ist – beim Vollblut. Die Bibel sagt nichts über die einzelnen Bestandteile von Blut, ob nun Hauptbestandteile oder Fraktionen. Das Blut vom dem man sich nach göttlicher Inspiration enthalten sollte ist das in der Bibel genannte „Blut“ was mit dem „Vollblut“ im heutigen medizinischen Sinne gleichzusetzen ist.

        Über die Definition von Vollblut findet man folgende Information im Internet:

        Vollblut ist die ungetrennte Summe aus Blutzellen (Erythrozyten, Leukozyten, Thrombozyten) und flüssigem Blutplasma, so wie es im Körper zirkuliert.

        Ich will hier natürlich nicht vorgreifen, aber die derzeitigen verfügbaren Erklärungen scheinen darauf hinzuweisen dass dies das Verständnis ist – das Vollblut wie in der obigen Definition beschrieben, ist das „Blut“ (so wie es im Körper zirkuliert) was in der Bibel gemeint ist. Die Bibel sagt man sollte sich also von „Vollblut“ enthalten – sagt aber nichts davon wie davon getrennte Bestandteile oder Fraktionen zu behandeln sind. Genau dieser Umstand, wird somit zur Frage für jeden Einzelnen: wie sehe ich persönlich das? Diese Frage kann niemand anderes als nur jeder selbst für sich beantworten.

      • Zur aufgeworfenen Frage: „Warum ist die Annahme von Bestandteilen eine Gewissensentscheidung, die Annahme von Vollblut aber ein Verstoß gegen Gottes Gesetz?“ Die Analogie zum Räucherwerk im täglichen Opferritus der Israeliten könnte dies anschaulich machen. Die Kombination aus vier bestimmten Bestandteilen, die von einem Salbenmischer verarbeitet wurden, war ausschließlich dem Räucheropfer vorbehalten und wurde im Falle einer profanen Verwendung mit dem Tod geahndet. Die Verwendung der einzelnen Bestandteile unabhängig voneinander hingegen war jedem freigestellt.

        Ähnlich könnte man es mit dem Blut, welches als Ganzes heilig ist – jedoch nicht zwingend die Bestandteile – sehen. Die einzelnen Hauptbestandteile sind genau genommen nicht „Blut“, sondern erst die einzigartige Zusammensetzung.

        Nach eingehender Lektüre frage ich mich ob die Grenzziehung bei den 4 Hauptbestandteilen (4H) im Verhältnis zu Fraktionen überhaupt in irgendeiner Hinsicht Relevanz haben sollte. Die Differenzierung der 4H ergibt sich m.W. aus biologisch-medizinischer (unterschiedliche Funktionen & einfache Isolation durch zentrifugale Behandlung), nicht jedoch aus chemischer Sicht. Während das Plasma der flüssige und zellfreie Anteil des Blutes ist, liegen die anderen 3H in ausschließlich zellulärer Form vor. Auf welcher Grundlage kann ich also Fraktionen akzeptieren (meistens Proteinstrukturen des Plasmas – z.B. Albumin, 2%), während ich ein Leukozytenkonzentrat (unter 1%) ablehne, nur weil statt eines Proteins eine zelluläre Struktur vorliegt? Die Übersicht „Produkte, die aus Vollblut gewonnen werden“ listet sowohl die 4H, als auch Fraktionen ohne Abgrenzung untereinander auf. [Das nur als mögliche Denkrichtung, auf Basis von Laienwissen.]

        Je mehr man sich mit dem Thema befasst, desto mehr medizinische Fragestellungen entwickeln sich, die man kaum verbindlich regulieren kann, was mein Verständnis für die Anpassung der LK nur gefördert hat. Genau diese komplexe Gemengelage wird wahrscheinlich mit der im „Leserfragen“-Artikel erwähnten medizinischen Aussage gemeint sein („Dennoch haben Fortschritte bei medizinischen Behandlungen viele Fragen dazu aufgeworfen“). Daher ist es m.E. wichtig sich bei der persönlichen Neueinschätzung des Themas nicht unbewusst vom alten Verständnis leiten zu lassen, sondern für sich eine Antwort zu finden, die ausschließlich auf dem aktuellen V. beruht.

  5. Ein Bruder hat Folgendes auf einer Social-Media-Plattform gepostet:

    „Ich schreibe dies nicht, um etwas abzutun, sondern um zu verdeutlichen, dass selbst neue Erkenntnisse zu Situationen führen können, die schwer zu lösen sind, bis das Reich Gottes auf der Erde seine volle Kraft entfaltet.

    Es erfordert Demut, zuzugeben, dass eine Kurskorrektur notwendig ist, wenn die bisherige Haltung tatsächlich ‚über das hinausging, was geschrieben steht‘.

    Wenn wir König Saul betrachten, so fehlte es ihm an aufrichtiger Reue, als er sündigte (1. Samuel 15,24). Im Gegensatz dazu stand König David, der tief bereute (2. Samuel 12,13; Psalm 51). Eine Kurskorrektur ist besser.

    Bestrafe niemals das Verhalten, das du fördern möchtest; es ist klar, dass eine echte Kurskorrektur besser ist, als einen Fehler zu vertuschen, indem man noch mehr darauf setzt. Daher sollte diese Aktualisierung als das anerkannt werden, was sie ist: eine echte Erkenntnis im Sinne größerer Genauigkeit.

    Die Bibel ist voll von Menschen, die unter den Entscheidungen der ihnen anvertrauten Führung leiden, wie zum Beispiel König Davids unerlaubte Volkszählung, die letztendlich zum Tod von 70.000 unschuldigen Menschen führte. (1. Chronik 21,18) Das ist die Folge davon, dass nach wie vor unvollkommene Menschen in Führungspositionen stehen. Wenn wir das nicht anerkennen, machen wir uns selbst für Enttäuschungen anfällig. (Römer 3:23; beachte, dass „alle“ auch die Mitglieder der Leitenden Körperschaft einschließen würde). Selbst Entscheidungen Jehovas selbst hatten anderen Leid zugefügt, wie zum Beispiel, als er Satan auf Hiobs Integrität hinwies, was zum Tod von Hiobs unschuldigen erwachsenen Kindern führte. (Hiob 1:6–19) Dies sollte uns lehren, dass wir uns nicht durch Leid und sogar den Tod, der aus Entscheidungen selbst eines so vollkommenen Wesens wie Jehova resultiert, davon abhalten lassen sollten, das große Ganze zu sehen – nämlich dass nur das zukünftige Paradies unter Gottes Königreich all die Wellen der Unstimmigkeit beenden wird, die Gefühle der Erleichterung, gemischt mit Bedauern, hervorrufen.

    So wie jedes neue Gesetz, das Regierungen erlassen und das an einem bestimmten Tag in Kraft tritt, während es am Tag zuvor noch nicht galt. Das Beste ist, die Realität zu akzeptieren und nach vorne zu blicken. (Philipper 3:13) Das gilt auch dann, wenn es emotional schwierig ist.“

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