Gericht in Gent/Belgien verurteilt Zeugen Jehovas wegen „Diskriminierung“ und „mentaler Gewalt“

In Kalifornien wurde eine Frau namens Mayra Gomez von ihrer Familie und vielen Freunden ausgestoßen. Ihr 21-jähriger Sohn sagte zu ihr: „Du bist nicht mehr meine Mutter“ und teilte Mayra mit, dass sie dauerhaft kein Teil seines Lebens mehr sei.

Das mag wie ein Fall von Gemeinschaftsentzug aus religiösen Gründen aussehen, ist es aber nicht.

Mayra Gomez ist eine Unterstützerin von Donald Trump, während ihr Sohn und die meisten ihrer Freunde Demokraten gewählt haben. In dem aufgeheizten Klima der aktuellen amerikanischen Politik war dies Grund genug, sie zu meiden. Mayras Fall ist nicht isoliert. Hunderte von Artikeln, die über ähnliche Vorfälle berichten, wurden von amerikanischen Medien veröffentlicht. Es sind keine kurzlebigen Streitereien. Der Anwalt William Hill sagte der New York Times, dass „seine Schwester, die in Seattle lebt, ausgeflippt sei, nachdem er 2016 für Mr. Trump gestimmt hatte, und sie haben seitdem nicht mehr gesprochen.“ „Familien sind von der Politik auseinandergerissen worden“, kommentierte die Times. Natürlich geht es in beide Richtungen, da einige Trump-Anhänger Freunde und Verwandte meiden, die für Biden gestimmt haben.

Es gibt Männer, die betrügen wiederholt ihre Ehefrau (auch umgedreht gibt es sowas). Es gibt solche Familien, da leben Ehepaare weiter unter einem Dach, obwohl der betrogene Ehepartner die Fehltritte seines Partners nicht verzeiht. Sie leben unter einem Dach, aber sie leben nicht „zusammen“. Man nennt es “Trennung unter einem Dach”. Die Ehepartner sprechen kaum noch miteinander, nehmen ihre Mahlzeit getrennt ein, und schlafen in einem anderen Raum und bestehen darauf, dass der Ehepartner nicht zugegen sein sollte wenn Gäste und Verwandte zu Besuch kommen. Diese Situation ist nicht ungewöhnlich. Tatsächlich hat z.B. die italienische Rechtsprechung die Situation derjenigen, die „getrennt unter einem Dach“ leben, bis zu einem gewissen Grad geregelt, ein Status, der wirtschaftliche und andere rechtliche Folgen hat (z. B. kein Kind adoptieren kann), aber nicht illegal ist.

Ein demokratischer Staat mag diese Situationen bedauern, kann aber Mayra Gomez‘ Sohn und Freunde oder Ehepartner, die getrennt unter einem Dach leben, nicht zwingen, sich anders zu verhalten. Sie kann auch keine Anti-Trump- oder Pro-Trump-Websites bestrafen, die darauf hindeuten, dass diejenigen mit unterschiedlichen politischen Meinungen schlechte Menschen sind und gemieden werden sollten, oder die Herausgeber christlicher Bücher, die vorschlagen, dass, wenn ein Ehepartner systematisch den anderen betrügt und wirtschaftliche Gründe eine physische Trennung verhindern, es angemessen ist, den Schuldigen zu zwingen, „getrennt unter demselben Dach“ zu leben.

Nur ein orwellscher „Big Brother“-Staat mag glauben, dass er die Macht hat, solche Details des Privatlebens zu regulieren. Der Versuch, Menschen zu zwingen, „Freunde zu sein“ oder zu lieben, ist die Perfektion des Totalitarismus. Es ist auch gegen den gesunden Menschenverstand. In Orwells Roman 1984 zwingt Big Brother die Bürger, so zu tun als würden sie alle den Staat und ihre Nachbarn lieben.  Nicht einmal Big Brother kann Gefühle der Zuneigung erzeugen, wo sie nicht existieren.

Wenn man die Entscheidung des Gerichtshofs von Gent vom 16. März 2021 liest, der die Zeugen Jehovas wegen ihrer Praxis des Gemeinschaftsentzugs zu einer Geldstrafe verurteilt hat, hinterlässt es das Gefühl, dass Big Brother zurück ist, und dieses Mal hat er das Gericht auf seiner Seite.

Der Fall der Zeugen Jehovas von Frau Gomez und anderen Opfern der hitzigen politischen Kontroversen in den USA und von getrennten Ehepaaren, unterscheidet sich jedoch in einem bestimmten Punkt. Die Zeugen Jehovas meiden unmittelbare Blutsverwandte nicht. Ein Zeuge Jehovas würde einer Mutter, die ausgeschlossen wurde, niemals sagen: „Du bist nicht mehr meine Mutter“, noch wird er oder sie „getrennt unter demselben Dach“ mit einem Ehepartner leben, der die Gemeinde verlassen hat.

Wie sieht es aus, wenn jemand ausgeschlossen wird, seine Frau und seine Kinder aber nach wie vor Zeugen Jehovas sind? Das Band, das ihn im Dienst für Gott mit seiner Familie verbunden hat, ist zwar nicht mehr dasselbe. Doch er gehört weiter zur Familie. Die Bindung aneinander bleibt bestehen; das Eheleben und der normale Familienalltag gehen weiter.

“Offizielle Aussage der Webseite der Zeugen Jehovas”

Während es durchaus sein kann, dass Familienmitglieder nie wieder miteinander reden, weil sie nicht verzeihen wollen, so steht die Tür zur Rückkehr für Ausgeschlossene bei Zeugen Jehovas immer offen – man wird sie mit offenen Armen empfangen. (Lukas 15:11-24)

Es ist auch wichtig zu beachten, dass man nicht durch Geburt zum Zeugen Jehovas wird. Zeugen Jehovas zu werden, ist eine persönliche Entscheidung, die in einem informierten Alter getroffen wird.

Tatsächlich entscheiden sich viele dazu nicht der Organisation beizutreten, obwohl deren Eltern Zeugen Jehovas sind. Laut einer Studie des Amerikanischen PEW Instituts sind es gut zwei Drittel die sich so entscheiden. Von systematischem Zwang kann also keine Rede sein.

Einige mögen argumentieren, dass ein weiterer Unterschied darin besteht, dass Frau Gomez‘ Sohn und ein betrogener Ehepartner und dessen Freunde „spontan“ als Individuen beschlossen haben, Frau Gomez und den betrügenden Ehemann zu meiden, während es im Fall der Zeugen Jehovas eine Organisation gibt, die andere „anstiftet“, Ausgeschlossene zu meiden.

Dieser Einwand wäre jedoch naiv und beruht auf einem für Sozialwissenschaftler wohlbekannten Trugschluss, der jedes Verhalten als eine individuelle, atomistische Entscheidung betrachtet, die außerhalb eines sozialen Kontextes getroffen wird.

In der Tat verhalten wir uns in einer bestimmten Weise, weil wir in eine bestimmte Kultur sozialisiert wurden. Zweifellos wurde der Sohn von Frau Gomez von Websites und politischen Organisationen dazu angestiftet, Trump-Anhänger als Monster zu betrachten, die es verdienen, gemieden zu werden (wiederum würde das auch am anderen Ende des politischen Spektrums der Fall sein). Die Ehefrau und ihre Freunde glauben, dass eheliche Untreue radikale Formen der Bestrafung verdient, weil sie in eine Subkultur sozialisiert wurden, die ihr Verhalten rechtfertigt und fördert.

Wenn man genau hinschaut, würde ein Big-Brother-Gericht ohne weiteres Organisationen und vielleicht religiöse Organisationen finden können, die dieses Verhalten „angestachelt“ haben. Und das ist es, was meine hypothetischen Beispiele von Gerichten, die sich mit der Situation von Frau Gomez und James befassen, mit dem Fall Gent gemein haben, obwohl keine Zeugen Jehovas die radikalen Worte von Frau Gomez‘ Sohn oder das  Verhalten vom betrogenen Ehepartner teilen würden.

Im Genter Fall erzählte eine der Klägerinnen dem Gericht, dass „sie [von den Zeugen Jehovas] ausgeschlossen wurde, weil sie ihren ersten Ehemann für einen anderen Mann verlassen hat. Seitdem hat sie weder ihre Schwester, ihren Ex-Mann und deren Kinder noch ihre Mutter gesehen.“

Die Genter Richter schieben dies auf die „Ausschlussregeln“ der Zeugen Jehovas. Ob diese Richter eines Strafgerichts schonmal ein paar Tage damit verbracht haben, den Parteien zuzuhören, wenn Scheidungsfälle vor Familiengerichten verhandelt werden? Dann würden sie wissen dass es sehr häufig vorkommt, dass ein Ehepartner, der seinen Partner für einen anderen verlassen hat, von Familienmitgliedern gemieden wird. Es wäre äußerst bizarr, wenn Gerichte versuchen würden, diese Verwandten zu zwingen, die Beziehung zu der Person aufrechtzuerhalten, die sie nun als schwarzes Schaf der Familie betrachten. Oder wenn sie untersuchen würden, ob ihre Religion, die Lehren die sie über Moral erhalten haben, oder ihre Erziehung diese Entscheidung bestimmt haben, und die dafür verantwortlichen Institutionen bestrafen würden. Vorausgesetzt die Gerichte glauben, dass sie, wie Big Brother, die menschlichen und familiären Beziehungen so umgestalten sollten, wie sie es für richtig halten.

Es gab sogar etwas, das als “Interföderales Zentrum für Chancengleichheit und Opposition gegen Diskriminierung und Rassismus” (UNIA) bezeichnet wurde, das in den Fall Gent eingriff und 500 Euro an moralischen und materiellen Schadensersatz erhielt. Man fragt sich, ob UNIA auch plant in alle Scheidungsfälle die in Belgien verhandelt werden einzugreifen und jedes Mal Schadenersatz zu verlangen, wenn Freunde oder Verwandte eines Ehepartners, dessen Partner sich für jemand anders entschieden hat, das Verhalten als unangenehm empfinden und beschließen, den Schuldigen zu meiden.

Die Genter Richter schrieben, dass sie „hoffen“, dass ihre Entscheidung die Zeugen Jehovas zwingen wird, „ihre Ausgrenzungspolitik unverzüglich anzupassen“. In einer religiösen Körperschaft ist Organisation gleich Theologie. Gerichte in demokratischen Ländern und insbesondere diejenigen die sich der Europäischen Menschenrechtskonvention unterstellen, sollten nicht die Macht haben, einer religiösen Gruppe zu sagen, wie man sich intern zu organisieren oder die Bibel zu interpretieren hat.

In ähnlichen Fällen haben Gerichte auf der ganzen Welt  erkannt, dass dies für die „Ausschlusspolitik“ der Zeugen Jehovas gilt.

Die vom Gerichtshof von Gent verursachte Gefahr geht jedoch über die Religionsfreiheit hinaus. Es hat einen bitteren Geschmack von Totalitarismus. Es impliziert, dass der Staat in das Privatleben der Bürger eindringen und ihnen sagen kann, wie sie auf Entscheidungen und Verhaltensweisen reagieren sollten die ihnen nicht gefallen.

Implizit bedeutet die Entscheidung, dass die betrogene Ehefrau dazu gezwungen sein könnte, ihren betrügerischen Ehemann zu lieben, auch wenn sie es nicht tut. Sie könnte gezwungen werden mit ihm zu essen und mit ihm zu sprechen, auch wenn sie es nicht will.

Es bedeutet, dass Freunde und Verwandte, die beschlossen haben, diejenigen zu meiden, die ihrer Meinung nach, unerträgliche politische Entscheidungen getroffen haben, von Gerichten gezwungen werden können, mit ihnen befreundet zu bleiben.

Da dies offensichtlich unmöglich ist, implizieren die Entscheidungen, dass Gerichte weitermachen und nach religiösen und anderen Institutionen suchen können – die ihr eigenes Verhalten fördern oder rechtfertigen – und sie bestrafen.

Schreiben Sie ein Buch, in dem vorgeschlagen wird, dass ein Ehepartner welcher von dem Ehegatten systematisch betrügt wird, dafür von einem Strafgericht verfolgt werden sollte, weil er/sie sich entscheidet „getrennt unter einem Dach“ zu leben. Ja, Big Brother ist zurück. Willkommen bei 1984.

Diesen Artikel habe ich frei aus dem Englischen übersetzt, und noch einige eigene Gedanken beigefügt. Den Original-Artikel findet ihr hier.

Ein Gedanke zu “Gericht in Gent/Belgien verurteilt Zeugen Jehovas wegen „Diskriminierung“ und „mentaler Gewalt“

  1. Danke für die Übersetzung des 4. Teils der Serie. Bitter Winter ist sehr zu empfehlen und Massimo Introvigne sowieso! Danke.

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